Lebenslauf

Im Jahr 1964, einem Drachenjahr, kam ich als erstes Kind von einem Schullehrer für Chinesisch und einer Bäuerin in einem nordchinesischen Dorf auf die Welt. Die ersten Lebensjahre bis zur Einschulung 1971 im Dorf verbrachte ich in Unruhe und Turbulenz, die durch den Alkoholrausch meines Großvaters verursacht wurden. Lieblingsspielzeuge: Bücher.

1971 kam ich im Dorf in die Schule. Das Dasein eines beliebten Außenseiters begann. Kein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit war zu spüren. Abendstudium unter Anleitung meines Vaters, in der Grundschule Grammatik und Stilistik des modernen Chinesischen, in der Mittelschule Grammatik des klassischen Chinesischen.

Von 1978 bis 1979 besuchte ich in der Schule des naheliegenden Kohlenwerks die letzte Klasse der Mittelschule, in der mein Vater Chinesisch-Lehrer war, verliebte mich gleich in eine Mitschülerin, derer Bruder und Schwester Kollegen meines Vaters waren. Erste Englisch-Stunde, in einem halben Jahr nachholen, was die anderen Mitschüler schon zwei Jahre gemacht hatten. Zum erstenmal in der Provinzhauptstadt Shijiazhuang, um eine Brille für beginnende Kurzsichtigkeit zu kaufen.

Von 1979 bis 1981 besuchte ich in der alten Kreisstadt Chengguan die Oberschule, verfiel der wahnwitzigen Idee, nach dem Abschluß eine Fremdsprache zu studieren. Autodidaktisches Lernen von Hochchinesisch trotz Hohn und Spott der Mitschüler. Das letzte Schuljahr verbrachte ich im Dauerkonflikt mit Herrn Wang, dem Chinesisch-Lehrer, weil er in meinen Augen keine Ahnung von der chinesischen Grammatik hatte; Zugleich lernte ich unter der sorgfältigen Anleitung von Frau Ma Tongxin intensiv Englisch. 1981 nahm ich an der staatlichen Aufnahmeprüfung für Universitäten und Hochschulen teil und bekam zur Überraschung aller die besten Noten der zukünftigen Fremdsprachler der ganzen Provinz.

1981 wurde ich von der Fakultät für westliche Sprachen und Literatur der Beijing Universität aufgenommen. Als großes Landei fuhr ich nach Beijing, studierte bis 1985 Germanistik und bekam zum Abschluß den Titel Bachelore für Literatur. Einen hohen Preis mußte ich zahlen: Mein Englisch hatte ich fast völlig vergessen.

Im Anschluß am Studium wurde ich, zu meiner Überraschung, Journalist. Die amtliche Nachrichtenagentur Neues China, Xinhua she auf Chinesisch, stellte mich ein, schickte mich gleich für 6 Monate nach Qinghai, am Rand von Tibet, ins Praktikum. Ausgerechnet dort in der Wüstenstadt Golmud erfuhr ich, was für hervorragende Arbeit meine Professoren geleistet hatten: Nachdem ich mit der Hilfe eines Deutschen als Englisch-Dolmetscher den Streit zwischen einem Schweden und einem Zimmermädchen des Hotels geschlichtet hatte, wunderte sich der Deutsche, daß ich noch nie in Deutschland gewesen war. Nach dem Praktikum arbeitete ich als Redakteur in der Agentur in Beijing, in der Abteilung Weltnachrichten

1987 kam ich als Auslandskorrespondent derselben Agentur nach Ost-Berlin, flüchtete im August 1989 nach West-Berlin und beantragte politisches Asyl. Einige Jahre lang war ich arbeitslos. Diese Zeit nutzte ich für meine Beschäftigung mit der klassischen Philosophie Chinas, vor allem aber lernte ich unter der strengen Anleitung von Eberhardt Kästner, einem meiner besten Freunde, das Schreiben auf Deutsch.

1993 wurde ich für die Berliner Gerichte und Notare allgemein beeidigter Dolmetscher für Chinesisch.

1996 wurde ich Schüler vom großen Dao-Meister Fangfu und praktiziert seitdem philosophischen Daoismus.


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