Warum können Chinesen Mao nicht vergessen?


Auf dem Land höre ich häufig sagen, die Zeit mit dem Vorsitzenden Mao sei besser gewesen. Man habe sich besser gefühlt, auch wenn man habe hungern müssen. Die Leute sagen das vielleicht, weil nur wenige von ihnen wirklich wissen, was Hungern bedeutet. Sie sehnen sich dennoch nach der Zeit mit Mao Zedong.

In der Stadt habe ich nur wenig Kontakt mit der städtischen Bevölkerung. Einmal fuhr ich mit dem Bus nach Ji'nan. Im Überland-Bus saß neben mir eine dickliche Frau. Sie mußte zu den Reichen gehören, mit Gold und Perlen behangen und einen starken Parfümduft ausströmend, der sogar einen Ochsen zu Tode geräuchert hätte. Ich mußte meine zugekniffene Nase hinter der Zeitung verbergen. Als der Bus losfuhr, wurde im Busfernsehen ein Film gezeigt: "Nackte Agenten". Die reiche Frau seufzte auf einmal: Was für eine Gesellschaft hätten wir denn jetzt? So was würde es nicht geben, wenn der Vorsitzende Mao noch leben würde. Ihren Filmkommentar fand ich nicht besonders originell. Ihre Sehnsucht nach dem Vorsitzenden Mao rührte mich dennoch tief. Als Student erlebe ich in der Uni oft, wie meine Kommilitonen den Vorsitzenden Mao verehren. Sobald das Thema Gesellschaft angesprochen wird, wird behauptet, der Vorsitzende Mao hätte dieses oder jenes getan, auch wenn meine Kommilitonen weder die Person Mao Zedong noch seine Zeit gut kennen. Wir sind daran gewöhnt, ihn als "den Vorsitzenden Mao" zu bezeichnen. Alleine dies bezeugt, wie sehr er in unserem Herzen geblieben ist!

Über den Genossen Mao habe ich kaum geforscht. Einige Biographien über ihn und seine fünfbändigen "Gewählten Werke von Mao Zedong" habe ich gelesen, dann kenne ich von ihm einige Gedichte auswendig. Alles andere ist nur Legenden, die durch nichts belegt sind. Ich möchte sogar sagen, ich bin fast nicht berechtigt, irgend etwas über ihn zu sagen. Seine Zeit habe ich nicht erlebt und kann auch nicht kommentieren. Hier möchte ich weder eine rationale Analyse liefern noch seine Ehrwürden als ein wissenschaftliches Thema behandeln. Nur von der Emotion aus möchte ich schildern, wie ich ihn sehe und wie einfache Leute um mich herum ihn betrachten. Ob ich mich damit lächerlich mache, ist mir unwichtig.

Die Bezeichnung "Vorsitzender Mao" ist nicht einfach eine Bezeichnung seiner Person, sondern scheint viel mehr zu beinhalten.

1. Das persönliche Charisma

Als eine Person ist er für mich fast von niemandem zu übertreffen. Alle Welt weiß, er war Revolutionär, Politiker, Militärstratege, Theoretiker, außerdem Gelehrter, Lyriker und Kalligraph usw. Wirklich große Persönlichkeiten sind selten anzutreffen. Der Erste Kaiser der Qin, der Kaiser Wudi der Han, der Kaiser Taizong der Tang, der Kaiser Shizu der Song, vielleicht noch Tschingis Khan und der Kaiser Kanxin der Qing, das sind wohl auch schon alles, was die 5000jährige Geschichte Chinas an Persönlichkeiten von Weltbedeutung hervorgebracht hat. Doch Mao war der einzige, der das Herz der Menschen gewonnen hatte. Der Tang-Kaiser Li hat einen großen Namen, war aber weit entfernt von den einfachen Menschen. Der neulich populär gewordene "Große Kaiser Kangxi" stellt lediglich das Ergebnis einer maßlosen Übertreibung dar. In den Herzen der Menschen ist er nichts weiter als ein Kaiser. Mao Zedong war dagegen ein Führer, nicht nur ein gesellschaftlicher Führer, sondern auch ein geistiger Führer. Das, was von ihm am tiefsten in den Kopf der Menschen eingedrungen ist, das sind seine Gedanken.

An Mao Zedong spürt man nichts "Göttliches", denn noch niemand hat je eine Gottheit gesehen, gespürt noch von ihr Gnade erfahren. Mao lebte aber im Volk, diente dem Volk und ging mit dem Volk durch dick und dünn. Mein Lehrer erzählt bis heute noch, sobald auf den Vorsitzenden Mao zu sprechen ist, damals aß auch der Vorsitzende Mao dunkle Dampfnudel, echt! Ich erinnere mich noch an einen Bauern, der scherzte, sein größter Wunsch in seiner Kindheit war, so zu leben wie der Vorsitzende Mao, nämlich, als Nachtimbiß Erdnüsse bekommen zu können. Man sieht, der tiefste Eindruck, den der Vorsitzende den Menschen hinterlassen hat, ist, er war keine Gottheit, sondern ein Mensch, ein Mensch, der mit anderen das leidvolle Leben teilte. Die heutigen Funktionäre leben aber geradezu wie Götter. Auf dem Eßtisch haben sie erlesene Kostbarkeiten und zu wohnen haben sie glanzvolle Häuser. Sie thronen hoch oben und sind so schwer zu sehen zu bekommen, als ob man in den Himmel steigen müßte. Wer spielt sich wie Gott auf? Das, was die Menschen im Herzen tragen, ist wirksamer als Forschungsergebnisse der Gelehrten!

Gerade deswegen lebt Mao stets im Herzen der Menschen und bleibt unvergeßlich. Er hat einmal den Traum der Menschen Wirklichkeit werden lassen!

2. Einklang seiner Gedanken und seiner Taten

Die Gedanken von Mao waren stets mit der Praxis verbunden, in welcher Zeitepoche auch immer, sei es in der Zeit des antijapanischen Krieges, sei es in der Zeit des Befreiungskrieges, sei es in der Zeit der Gründung der Republik, sei es in der Zeit des Aufbaus. Mao scheint niemals leere Worte gemacht zu haben. Seine Sprache und seine Gedanken waren immer eng mit der Praxis verbunden. Wenn es hieß, nicht einmal eine Nähnadel und einen Bindfaden von den Bürgern wegnehmen zu dürfen, wurde die Regel auch tatsächlich befolgt. Dem Volk dienen hieß für ihn auch dem Volk dienen. Alles machte er bodenständig, vom Widerstand gegen die Japaner bis Bodenreform, Gründung eines Staates... Warum sehnen sich die Menschen jetzt nach der Zuverlässigkeit damals? Zuverlässigkeit muß zuerst die Zuverlässigkeit der Regierung sein. Einerlei, was gesagt wird, gehe es um das System, gehe es um Gesetze oder um Politik, soll auch in Praxis umgesetzt werden. Wenn man den Bürgern nur ungedeckte Schecks ausstellt und schöne Träume verspricht, wie können die einfachen Menschen noch Vertrauen haben und zuverlässig sein? Die einfachen Bürger sind genug betrogen worden und haben gar kein Elan mehr, irgendeinem Aufruf zu folgen. Selbst wenn ihnen die Aktion tatsächlich Nutzen bringen soll, lassen sie die Aktion links liegen. Wir brauchen nicht von den Bauern zu sprechen. Auch Studenten sind genug belogen worden. Sie nehmen nichts mehr ernst. Es wird gesagt, Studenten seien untersagt, außerhalb des Unigeländes Wohnungen zu mieten. Es wird auch gesagt, arme Studenten bekämen täglich vier Yuan Unterstützung zum Lebensunterhalt. Sieht man, daß auch nur ein Student das ernstnimmt? Erinnern wir uns an die damalige Zeit: Hat man damals nicht gußeiserne Kochtöpfe zerschlagen, um Stahl daraus zu machen, damit das Wort vom Vorsitzenden Mao kein leeres Wort bleiben würde? Man ertrug lieber Verlust als ein Versprechen zu brechen. Das war aus der heutigen Sicht vielleicht etwas paranoid. War die damalige Zeit nicht eine Ironie für heute?

Das Versprechen auf jeden Fall halten, das ist besser als leeres Gerede ohne praktischen Nutzen, selbst wenn man dafür aus Versehen große Fehler begeht. Die Augen der einfachen Menschen sind nicht zu täuschen. Umsetzen und Durchführen sind heute nur noch leere Floskel in Berichten der Behörden an die Regierung und leeres Gerede in den Zeitungen. Wenn man ein Hundert Jahre später an die heutige Zeit zurückdenkt, hat man vielleicht weiterhin nur das Bild von Mao Zedong im Herzen!

3. Das Bild eins großen Landes mit noch größerem nationalem Charakter

Wenn wir jetzt vom Bild eines großen Landes sprechen, haben wir immer noch den Koreakrieg von Mao und die Kämpfe von Zhou Enlai vor der UNO vor Augen. Wenn wir internationale Schwierigkeiten haben, denken wir immer noch wehmütig an das damalige China zurück!

Ja, das Land ist stärker geworden, das Land hat ein größeres Gewicht bekommen...... "Die Fleisch Essenden sind niederträchtig!" Vielleicht werden das schöne Leben und die Reichtümer leicht Last. Wir haben eventuell Verständnis dafür, wie das Land sich den USA gegenüber verhält. Doch gegenüber Japan haben wir kein Recht, schwächer zu sein als Südkorea! Wir Chinesen können uns nicht so zusammenhalten wie die Südkoreaner. Im letzten Jahr war ein Kommilitone von mir in Xi'an und hat gesehen, wie eine Studentendemonstration von der Polizei aufgehalten wurde. Erinnern wir uns noch an den 18. September früher? Studenten organisierten spontan Gedenkveranstaltung, die Uni-Leitung erlaubte es aber nicht. In diesem Jahr war kein Hauch mehr von dieser Spontanität. Müßte Herr Lu Xun wohl wieder einmal über die "Verwunderung der befreundeten Länder" schreiben?

Dazu kommen die Taiwan-Frage und viele andere Sachen im Inland. Das Land läßt sich einfach dadurch hemmen, fristlos, ohne absehbares Ende...

4. Die Gesellschaft der Mao-Zeit

Die Gesellschaft der Mao-Zeit kannte nur Armut, sonst keine anderen größeren Schwächen. Nur Mao konnte Menschen ehrlich und zuverlässig werden lassen. In jener Gesellschaft gab es keine Diebe, keine Betrüger, keine Hurerei noch Prostitution, keinen Drogenmißbrauch, keine flächendeckende Bestechlichkeit und Verdorbenheit der Beamten, keine Ausuferung von Bandenkriminalität, auch keinen Verfall der Kultur... Aber all das, was einmal nicht gab, ist aus der längst erloschenen Asche wieder erstanden. Kannst du darüber glücklich sein, nur weil du jetzt ein paar klingende Münzen in der Tasche hast? Rastlosigkeit, Selbstmord, Hoffnungslosigkeit und Verfall, all das existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft. In der Mao-Zeit konnte man wenigstens in Ruhe sterben!

Ich kann den Wohlstand der jetzigen Gesellschaft nicht leugnen, auch nicht die Errungenschaften von heute. Von der Mao-Nostalgie ist leicht zu erkennen, Menschen, die andere zum Reichtum führen, sind unvergeßlich, unvergeßlicher sind aber diejenigen, die anderen einen Geist geben. Wir können nicht grundlos einen Gott schaffen, werden auch nicht mehr blindlings einen Gott schaffen. Sollte aber wieder eine Persönlichkeit auftauchen, die wie einst Mao den Geisteszustand der heutigen Gesellschaft verändern könnte, würden wir es lieber auf uns nehmen, noch einmal einen Gott zu schaffen!


Quelle: http://news.wenxuecity.com/BBSView.php?SubID=news&MsgID=24939

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Nachtrag zur Auswahl

Der Verfasser des Textes hat wohl gar keine Ahnung von der Mao-Zeit. Er verkörpert mit seiner Ansicht nicht unbedingt auch die Generationen, die die Kulturrevolution durchgemacht haben, dennoch, er verkörpert viele Chinesen von heute. Die Verdorbenheit der Beamten und die Kraftlosigkeit der Regierung in der Außenpolitik, besonders die Kraftlosigkeit gegenüber andauernden amerikanischen und japanischen Provokationen, deprimieren die Menschen und lassen die Mao-Nostalgie erblühen. China ist etwas reicher geworden, doch der Reichtum macht die Menschen nicht glücklicher. Beseitigung der sozialen Ungerechtigkeit in der Innenpolitik und der wirksame Schutz nationaler Interessen in der Außenpolitik, das sind die größten Wünsche vieler Chinesen heute. Das sind aber Wünsche, die in absehbarer Zeit schwer zu erfüllen sind.


 

Copyright Tianchan, 2004